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Studium – Das größte Missverständnis unserer Zeit

Bild HörsaalAlle Welt will studieren. Die Unis platzen aus allen Nähten und Studentenstädte sind überfüllt. Personaler setzen zunehmend mehr auf gut ausgebildete Akademiker, lieber Master als Bachelor, mit guten Noten, vielen Praktika und Auslandsaufenthalten…
Da lohnt es sich doch, ein paar Fragen aufzuwerfen, wie z.B.:

  • Lohnt sich studieren überhaupt?
  • Welche Inhalte und Fähigkeiten werden im Studium vermittelt?
  • Wie verändert das Studium einen Menschen?
  • Wann ist ein Studium und wann evt. eine Ausbildung besser?

Thesen zum Studieren, die ich hier in den Raum werfe, lauten:

  • Viele Personaler und einige Führungskräfte überschätzen die Fähigkeiten eines Uni- oder Hochschulabsolventen
  • Studieren lohnt sich in den meisten Fällen nicht, im Gegenteil, es schadet oft
  • Die im Studium vermittelten Inhalte und Fähigkeiten sind oft irrelevant für den späteren Job
  • Das Studieren führt dazu, dass junge Menschen egozentrischer, weniger kreativ und überheblicher werden. Studenten lernen wichtige Fähigkeiten nicht, wie z.B. Verantwortung zu übernehmen, Mitarbeiter zu führen oder eine Rechnung zu schreiben.
  • Eine Ausbildung ist in vielen Fällen einem Studium vorzuziehen
  • Eine Ausbildung erhöht die Chance auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz

Meine Thesen möchte ich natürlich gerne anhand meiner eigenen Erfahrungen belegen.

Meine eigene Geschichte als Azubi und Student

Bild ELektrotechniker
Elektrotechniker bei der Arbeit

Mein Leben als Azubi
Richtig studiert habe ich nie. Mein Studium lief eher nebenbei. Ich habe eine Berufsausbildung zum Mechatroniker gemacht und danach 2,5 Jahre in einem Warmwalzwerk in der Instandhaltung gearbeitet. Ich habe Kabel gezogen, Bauteile verdrahtet, Fehler gesucht, kleine SPS Programme geschrieben und Diagramme erstellt.

Mein Leben als Student
Mein Studium (Regelstudienzeit 3 1/2 Jahre) habe ich nebenbei absolviert, quasi als Fernstudium über knapp 5 Jahre hinweg, nach Feierabend und am Wochenende. Meine recht ordentlichen Noten bestätigen mir, dass die Inhalte, die vermittelt werden sollten, auch angekommen sind.

In meinem Studium zum Mechatroniker habe ich für mein späteres Berufsleben fast nichts brauchbares gelernt. Wirklich fast nichts! Ich kann mich weder an ein Fach erinnern, noch an besondere Inhalte, die mir später in meinem Berufsleben wirklich viel genützt hätten. Egal ob Integralrechnung, Das Eisen-Kohlenstoff Diagramm, Robotertechnik, BWL, Elektrotechnik,…
Sinnvolle Inhalte waren lediglich ein paar Grundlagen in Regelungstechnik und technisches Zeichnen. Aber das hätte ich auch gut in ein paar Wochen mit ein paar Büchern selbst erlernen können… Dieses sehr traurige Fazit musste ich nach 5 harten Jahren und dem Einstieg in den Job leider ziehen.

Zeichnung eines Stromlaufplanes
Zeichnung eines Stromlaufplanes

Vorteile meiner Ausbildung zum Mechatroniker
In meiner Mechatroniker Ausbildung lernte ich SPS Programme zu entwickeln, Stromlaufpläne zu zeichnen, Anlagen zu testen, Fehlersuche zu betreiben, mit Azubis und Facharbeitern umzugehen… Dies sind alles Fähigkeiten, die dazu führten, dass ich mich später erfolgreich selbstständig machen konnte.

Mein erster Ingenieurs-Job nach dem Studium
Nach dem Studium wechselte ich zur Firma Schirm Wärmetechnik GmbH. Eine 2 Mann Firma mit damals mehreren Millionen Euro Umsatz und fast einer Million Euro Gewinn vor Steuern im Jahr (Als GmbH können die Daten übrigens kostenfrei im Internet eingesehen werden). Die Firma Schirm macht Anlagen zur Wärmerückgewinnung und KWK Anlagen. Sehr spannend, wie ich fand! Vor allem mit 2 Mitarbeitern!

Rechnung prüfen - Eine Standardaufgabe für Ingenieure
Rechnung prüfen – Eine Standardaufgabe für Ingenieure

Nach dem Studium: Überforderung im Arbeitsleben – 18 Monate lang Lernen
Mein erster Arbeitstag bei der Firma Schirm. Ich war gut ausgebildet, wie ich dachte. Mein Chef kam zu mir und sagte mir, ich solle die AB zu dem Vorgang fertig machen und legte mir eine Mappe hin… Eine Sache von kaum 5 Minuten. Das Problem nur, ich wusste nicht ansatzweise, was eine AB ist… Mein Kollege sagte mir: Eine Auftragsbestätigung. Okay. Ich hatte trotzdem keinen Plan, wie ich das machen sollte. Ich war ehrlich gesagt komplett überfordert. Von Beginn an.

Im Laufe der ersten Woche sollte ich ein Produkt bei einem Lieferanten bestellen, mit einem Kunden ein technisches Detail klären und eine kleine thermodynamische Simulation anfertigen. Ich war mit allen Aufgaben komplett überfordert. Mein Kollege (gelernter technischer Zeichner) hat mir zum Glück gut ausgeholfen…

Komplett überfordert - So ging es mir täglich... 1 1/2 Jahre lang...
Komplett überfordert trotz guter Ausbildung und Studium – So ging es mir täglich… 18 Monate lang…

In den weiteren Monaten musste ich mit Lieferanten kommunizieren, ich musste Angebote und Spezifikationen schreiben, Kalkulationen von Projekten erstellen, Kunden zu technischen Fragestellungen beraten…

Lernen, lernen und noch mehr lernen…
Um ehrlich zu sein: Die gesamten ersten 1,5 Jahre bei der Firma Schirm war ich trotz meiner Berufsausbildung, meiner anschließenden 2,5 Jahre Berufserfahrung als Facharbeiter und meines 5-jährigen Studiums, komplett überfordert. Ich hatte Null Plan. Keinen Durchblick. Nicht ansatzweise… Ich habe mich teils wie ein kleines Kind gefühlt, weil die Sekretärin im Nachbarbüro besser über Projektabwicklung Bescheid wusste als ich. Es war der Horror! Ich war selbst geschockt von meiner Unwissenheit, bzw. unzureichenden Vorbereitung auf das Berufsleben, trotz meiner guten Ausbildung.

Richtiger Jobeinstieg nach den ersten 18 Monaten lernen

Inbetriebnahme einer komplexen, technischen Industrieanlage – SPS Programme müssen beherrscht werden, die Abstimmung mit Lieferanten muss passen…. Kommunikation ist immens wichtig.

Die ersten 18 Monaten waren hart, aber es wurde besser. Denn nun konnte ich auch meine Fähigkeiten einbringen, die ich in der Ausbildung erlernte (nicht im Studium). Ich habe Anlagen im In- und Ausland in Betrieb genommen, Stromlaufpläne auf Ihre Richtigkeit untersucht, Fehlersuche betrieben und Servicearbeiten durchgeführt. Da hat mir meine Berufs-Ausbildung richtig viel gebracht.

Die KWK Anlage in Weißrussland habe ich eigenverantwortlich vor Ort in Betrieb genommen. Ein 5 Million Euro Projekt. Ein externer Lieferant hätte für die Arbeiten, die ich durchgeführt habe, ca. 100.000€ – 120.000€ in den 6 Monaten vor Ort gekostet. Die gleichen Arbeiten habe ich gemacht… Da wurde mir auf einmal auch mein eigener Wert klar. In diesem Moment habe ich Selbst-Wert-Gefühl entwickelt.

 

Studium

  • Was lernt man im Studium? Kurz und knapp: Wissenschaftliches Arbeiten. Wissenschaftliche Grundlagen.
  • Auf welchen Beruf wird man im Studium vorbereitet? Der Beruf des Professors.
  • Worauf wird Wert gelegt? Gute Noten schreiben. Sich in Klausuren behaupten können. Prüfungssituationen meistern… (Nur mal am Rande: Sowas kommt später im Berufsleben in dieser Art nie wieder vor. Da ist Gruppenarbeit gefragt, keine One-Man show)

Studium für angehende Ingenieure ungeeignet
Bitte versteht mich nicht falsch. Ich denke nicht, dass Studieren schlecht ist. Ich denke nur, dass in vielen Berufen, in denen heut zu Tage ein Studium gefordert wird, kein Studium notwendig wäre. Ein Studium ist die falsche Vorbereitung auf viele Berufe! Dies betrifft vor allem mein Berufsfeld, den Beruf des Ingenieurs, aber auch andere.

Ingenieure bei der Arbeite - Wichtige Fähigkeiten sind Teamwork, Kommunikation, Planen, Zeichnungen lesen
Ingenieure bei der Arbeite – Wichtige Fähigkeiten sind Teamwork, Kommunikation, Planen, Zeichnungen lesen

Wenn ich erlebe, mit welchen Fähigkeiten und Wissen Bachelor oder Master Absolventen nach dem Studium mit mir gemeinsam an Projekten arbeiten, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Das ist traurig und für ein Unternehmen unzumutbar… Die Absolventen kriegen nichts auf die Reihe, haben von Teamwork keine Ahnung und sind unfähig, technische Zusammenhänge zu verstehen. Das sind Wissenschaftler – Keine Ingenieure. Oft sind es sogar sehr überhebliche Wissenschaftler.

Viele Akademiker, die ich kennen lernte, sind sehr von sich überzeugt, bis hin zum Übermut und überheblichen Auftreten. Dabei sind sie mit ihrem Wissen an einer ganz falschen Stelle. Die wollen als zukünftige Professoren mit wissenschaftlichen Methoden in Betrieben arbeiten. Das ist kompletter Unfug. Das funktioniert so nicht und kann auch niemals so funktionieren! Wissenschaftliches Arbeiten hat in kleinen und mittelständischen Unternehmen, selbst in vielen großen Firmen, nichts zu suchen!

Personaler setzen nach wie vor auf Akademiker
Warum setzen Personaler immer noch auf Akademiker? Ehrlich gesagt, ich kann es nicht nachvollziehen. Ich würde einen 19 jährigen Facharbeiter, der nach der Realschule 3 Jahre lang eine technische Ausbildung gemacht hat, wesentlich schneller zum waschechten Ingenieur anlernen, als jeden Master Absolventen. Dem Facharbeiter könnte ich zeigen, wie man eine technische Zeichnung erstellt, eine Spezifikation schreibt, mit Kunden und Lieferanten kommuniziert, Software entwickelt usw, wenn er es nicht schon längst kann. Bei ihm kann ich auf vorhandenem Wissen aufbauen. Beim Ingenieur geht das nicht.

Wäre ich Personaler, Abteilungsleiter oder Geschäftsführer, dann würde ich mit solchen jungen Facharbeitern arbeiten wollen. Ausschließlich. Hinzu kommt der Vorteil, dass der Facharbeiter lange nicht so viel Geld haben möchte, wie ein Master Absolvent, dass er Teamfähig ist, mit seinen jungen Jahren noch viel aufnahmefähiger und lernfähiger… Rundherum ist eine Ausbildung meiner Meinung nach eine wesentlich bessere Grundlage für den Jobeinstieg (vor allem als Ingenieur), als ein Studium.

Win-Win Situation für Führungskräfte und Schüler
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Es ist kein Zuckerschlecken, von morgens bis abends Jahrelang Stoff zu lernen, den man nie wieder braucht oder in der Praxis nicht anwenden kann. Studenten wissen, dass sie die Inhalte später nicht mehr brauchen. Und für Führungskräfte ist es genauso wenig toll, mit überheblichen Absolventen arbeiten zu müssen, die viel Geld kosten und überhaupt keinen Durchblick haben.

Meine Einstellung zum Studium und zur Ausbildung
Ich selbst bevorzuge weder eine Ausbildung, noch ein Studium, sondern die dritte Alternative: Überhaupt keine Qualifikation mit Abschluss anzustreben. Dass dies nun ein radikaler Schritt ist, ist mir klar. Aber wem würden Sie eher vertrauen? Dem gut ausgebildeten Schreiner, mit etlichen Zertifikaten und Qualifikationen, oder dem jenigen Mann aus der Nachbarschaft, der seit vielen Jahren Holzbearbeitung aus Leidenschaft macht, einfach, weil er es gerne tut und dafür auch noch weniger Geld verlang? Zu wem würden Sie gehen, um sich ein tolles Möbelstück anfertigen zu lassen?

Es gibt Berufe, bei denen funktioniert so eine Herangehensweise natürlich nicht, wie z.B. Elektriker, Ärzte oder Statiker, weil diese teils mit gefährlichen Komponenten in Berührung kommen und von ihrer Arbeit Menschenleben abhängen. In solchen Berufen bin ich stark für eine gewisse Standardisierung, bzw. ein Mindestmaß an Professionalität.

Für alle anderen Berufe, insbesondere den des Ingenieurs, halte ich eine Art autodidaktisches Selbststudium nach der „Learning by Doing“ Mentalität in Betrieben anhand von konkreten Projekten für die wesentlich bessere Alternative.

Kommentare / Meinungen
Sie können mir unten im Kommentarfeld gerne Ihre eigenen Erfahrungen und Meinungen hinterlassen.

Impressionen
Anbei noch ein paar Impressionen aus meiner Ausbildung zum Mechatroniker:

Nach ca. 15 Monaten Ausbildung habe ich mit 4 anderen Azubis gemeinsam eine Anlage entwickelt und selbst auch gebaut, die Hölzer markiert mit 700°C heißen Brennstempeln. Die Anlage wird noch heute in einer Werkstatt eingesetzt, die mit behinderten Menschen arbeitet. Wir haben ca. 6 Monate für das Projekt gebraucht und es anschließend auch bei Jugend-Forscht vorgestellt.
Wir mussten hierfür ganz viel miteinander kommunizieren, planen, bauen, programmieren, vorstellen usw… Alles Fähigkeiten, die man später als Ingenieur genau so benötigt.

In der ganzen Ausbildung zum Mechatroniker hatte ich lediglich 2 Prüfungen. Eine Zwischenprüfung und eine Abschlussprüfung. Der Fokus wurde auf Erfahrung sammeln und das Unternehmen kennenlernen gelegt.

Die letzten Monate meiner Ausbildung waren mit die schönsten in meinem Leben. Ich habe gemeinsam mit den anderen Azubis gelernt, Anlagen gebaut, Mist gemacht. Wir haben von unseren Ausbildern gelernt, diese aber auch aufs Korn genommen. Wir haben tolle Sachen zusammen gemacht und mega viel Spaß gehabt. Ich denke immer wieder gerne an diese Zeit zurück.

 

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One comment

  1. Lieber Ben,

    Danke für den guten Artikel. Ich stimme Dir in vielen Punkten zu. Auch ich habe im Studium wenig für mein Berufsleben gelernt. Heute arbeite ich als Personaler bei einem Dienstleistungsunternehmen und werde täglich mit Bewerbungen von Kandidaten konfrontiert, die ausschließlich studiert haben. Es klingt hart, aber wer weder eine Ausbildung gemacht noch während des Studiums fachbezogen gearbeitet oder Praktika absolviert hat, wird es nach dem Abschluss schwer haben, einen Job zu finden bzw. muss erst mal den Weg über ein Praktikum/Trainee etc. gehen.

    Wer studieren möchte, sollte im Idealfall entweder vorher eine Ausbildung gemacht haben oder ein duales Studium beginnen und während des Studiums regelmäßig arbeiten. Absolventen, die als Werkstudenten fachbezogen gearbeitet haben und das mit Zeugnissen belegen können, haben gute Chancen auf den Berufseinstieg. Studieren alleine und seien die Noten auch noch so gut, qualifiziert nicht für einen interessanten Job.

    Viele Grüße aus Düsseldorf
    Florian

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