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Realisierung statt Digitalisierung

[1] Gameboy
Im Alter von etwa 8 Jahren habe ich mir meinen Fußball geschnappt, bin raus auf die Spielstraße gerannt und habe in beide Richtungen kräftig gewunken. Innerhalb von Sekunden haben sich damit genug Kinder gefunden, die Lust am gemeinsamen Fußballspiel hatten und es ging auch sofort los.

Irgendwann begann die Digitalisierung Einzug in den Alltag zu nehmen. Neben dem einseitigen Fernseher, von dem das Programm nur konsumiert werden konnte, gab es bei uns im Haushalt schon bald einen Gameboy, mit dem der Spieler interagieren konnte. Man musste Ziele erreichen, Rätsel lösen und Geschicklichkeit beweisen. Schon bald war der Spieltrieb mit einer kleinen Kiste zu besänftigen, nicht nur bei uns, sondern auch bei meinen Freunden.  Dies führte dazu, dass die Straßen wie leer gefegt waren.

Pfiffige Entwickler haben erkannt, dass der Mensch seine freie Zeit gerne mit Konsum von Neuartigem (Fernsehen) und dem Spielen (Gameboy) verbringen möchte. Die Digitalisierung hat damals u.a. den Fernseher und den Gameboy heraus gebracht und es damit möglich gemacht, unzählige Menschen in kurzer Zeit glücklich und zufrieden zu machen. Weiterhin werden Programme und Software seit dem genutzt, um Arbeiten zu automatisieren und damit viel Geld zu verdienen. Seit einigen Jahren ist die Digitalisierung in vollen Zügen, was einige Fragen aufwirft…

Welche Grenzen hat die Digitalisierung?

Um die Grenzen der Digitalisierung verstehen zu können, ist es hilfreich, sich mit den Personen zu beschäftigen, welche die Digitalisierung voran treiben. Was für Menschen sind das? Wie ticken sie?

Der Einfachheit halber gehe ich mal von mir aus, zu einer Zeit, in der ich selbst viel digitalisiert habe. Nehmen wir beispielsweise das Jahr 2010. Nach dem Studium begann ich bei der Firma Schirm zu arbeiten. Viele Aufgaben und Berechnungen wurden mit Excel erledigt. Ich ahnte damals, dass mit Hilfe von Programmen Abläufe vereinfacht und automatisiert werden konnten. So habe ich angefangen, die Programmierumgebung von Excel (VBA) zu erlernen. Schon bald habe ich Programme entwickelt, die mir viele Arbeiten abgenommen haben und meinen Arbeitsalltag wesentlich vereinfachten. Um diese Routinen entwickeln zu können, musste ich die Probleme so umgestalten, dass sie in Software verarbeitet werden konnten. So habe ich Standards entwickelt und überall, wo es möglich war, umgesetzt.

Das Wesen der Digitalisierung ist die Vereinfachung

Eine Kalkulationssoftware vereinfacht Geschäftsvorgänge

Um gleichgeartete Abläufe zu automatisieren, müssen die Probleme vereinfacht werden. In vielen Fällen ist dies möglich. IT-Entwickler versuchen also, Dinge zu vereinfachen, um sie mit einem Programm automatisieren zu können. Sie denken: Wie kann ich das einfacher machen?

Die Grenzen der Digitalisierung liegen bei komplexen Problemstellungen. Bei der Vereinfachung geht Komplexität verloren, damit lässt sich zwar immernoch ein Problem lösen, aber es ist nicht mehr das gleiche, wie zu Beginn.

Nehmen wir mal das Beispiel Ernährung. Der Körper braucht unzählige Nährstoffe, um gut funktionieren zu können. Bei einem gesunden und ausgeglichenen Menschen sagt der Hunger ganz automatisch, was der sehr komplexe Körper gerade braucht.

Nun gibt es Menschen, die an Übergewicht leiden und hierfür eine Lösung suchen. Ein Software Entwickler fängt nun an, das Problem zu vereinfachen. Er könnte annehmen, dass das Übergewicht von zu vielen Kalorien herrührt. Er schreibt nun also eine Software, mit der man die Kalorien zählen kann, seine Essgewohnheiten einträgt und sich täglich ausrechnen lassen kann, ob man im grünen Bereich liegt. Eine Ampel mit rot-gelb-grün Phase könnte für jeden Tag einen Status zusammen fassen. Der Entwickler kann diese Software an 1-Million fettleibige verkaufen und die Menschen glauben, ein brauchbares Werkzeug in den Händen zu halten und richten sich danach.

Ernährung ist ein sehr komplexes Thema, genau wie Übergewicht. Es lässt sich zwar vereinfachen, doch die Lösungen funktionieren oft nicht (nachhaltig). Komplexität geht bei der Vereinfachung verloren, weshalb die Lösung höchstens im Glücksfall Erfolge bringen kann. So hat der Entwickler beispielsweise psychische Faktoren nicht berücksichtigt oder Hormonzyklen, oder teilweises Organversagen (z.B. Schilddrüse) oder einen Virus, oder oder oder… Bei der Digitalisierung musste der Programmierer die Problemstellung vereinfachen. Komplexität ging verloren. Die Lösung funktioniert nur im Glücksfall.

Realisierung statt Digitalisierung

Ashbys Gesetz [2] besagt, dass man zur Lösung eines komplexen Problemes ein ebenso komplexes Lösungssystem braucht. Für komplexe Probleme brauchen wir also komplexe Lösungen. Aber wie schafft man komplexe Lösungssysteme? IT-Entwickler die Software programmieren scheinen hier nicht geeignet zu sein.

Menschen sind seit jeher hervorragende Teamplayer. Ein Mensch alleine kann komplex denken. Viele Menschen können, wenn sie gelernt haben, im Team zu arbeiten, wesentlich komplexer denken, als einer alleine das könnte. Ein funktionierendes Team aus Menschen, also gelebtes Teamwork ist ein komplexes Lösungssystem. So haben viele Menschen in der gesamten Geschichte der Menschheit etliche, unglaubliche Dinge vollbracht. Man denke nur an die Pyramiden, oder Stonehenge, oder den Flug zum Mond… Das alles haben Menschen geschafft, die miteinander gearbeitet haben.
Sie haben realisiert, statt digitalisiert!

Realisieren bedeutet umsetzen

Zufällig beim Kochkurs kennen gelernt: Die Mutter eines Arbeitskollegen.

In den letzten Jahren habe ich mich in vielen Projekten, sowohl industriell als auch ehrenamtlich, engagiert. Ein paar haben funktioniert, aus einigen konnte ich etwas lernen. Ein Projekt, eine Idee oder eine Vision zu Realisieren, benötigt oft die Mithilfe anderer, insbesondere dann, wenn es sich um komplexe Probleme handelt. Grundlagen der Kommunikation und eine gute Führung sind wichtig und tragen zum Erfolg des Projektes maßgeblich bei.

In diesem Jahr habe ich schon 11 Messen besucht, viele Zeitschriften, Bücher und Zeitungen gelesen sowie unzählige Gespräche geführt. In etlichen Lebensbereichen geht es aktuell um das Thema Digitalisierung, Industrie 4.0 und die vielen Vorteile davon.

Mit diesem Beitrag möchte ich ausdrücken, dass auch die Digitalisierung ihre Grenzen hat und nicht auf alles eine Lösung gibt. Ich stelle fest, dass junge Menschen, die im Zeitalter der Digitalisierung aufgewachsen sind, oft Schwierigkeiten damit haben, Dinge im realen Leben anzupacken und anzugehen.

Wir haben gelernt, Probleme zu vereinfachen und mit Software zu lösen. Ich glaube, wir haben es etwas aus dem Blick verloren, dass gewissen Probleme nicht mit Software, dafür aber im gemeinsamen Handeln, in gemeinsamen Projekten, in der Realisierung unserer Ideen und Visionen gelöst werden können. Dieser Beitrag ist ein Apell daran, sich wieder den Fußball zu schnappen, raus zu gehen und nach Mitspielern zu suchen, oder mal ein ganz anderes, spannendes Projekt umzusetzen. Ganz real, im echten Leben.

Real life hat immer noch die beste Auflösung!

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Game_Boy#/media/File:Game-Boy-Original.jpg
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Ashbysches_Gesetz

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