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Mythos Lob und Anerkennung

Mythos: Lob und Anerkennung fördern die Mitarbeitermotivation, Zufriedenheit am Arbeitsplatz und die Produktivität

Meine Geschichte(n)

Als ich nach dem Studium bei der Firma Schirm Wärmetechnik anfing, war ich hoch motiviert, ich wollte zeigen, was ich kann. Und so legte ich mich ins Zeug und habe auch innerhalb kurzer Zeit Erfolge gehabt. Mein Chef hat mich nie gelobt oder mir Anerkennung gezeigt.

Mein Chef hat mich auch dann nicht gelobt, als ich die Inbetriebnahmen der Anlagen geleitet habe, obwohl ich eigentlich im Vertrieb tätig war, womit ich der Firma etwa 100.000€ pro Großprojekt sparte; oder als ich eine Software entwickelt hatte, die uns jährlich etwa 70.000€ Kosten im Vertrieb sparte. Ich war damals stink sauer auf ihn. Heute bin ich ihm dankbar dafür, dass er mich nicht gelobt hat.

Die Folgen des Lobes
Als ich damals noch bei der Firma Schirm eine Inbetriebnahme in Weißrussland geleitet hatte, wollte ich meinem Chef beweisen, was mit Lob und Anerkennung alles möglich ist. Eines Tages war ich dort in der Stadt Gomel im Zirkus. Ein Dompteur hat mit einem Walross Tricks vorgeführt und jedes Mal, wenn etwas gut geklappt hat, den Walross gestreichelt und ihm eine Kleinigkeit zu Essen zugeschmissen. Da dachte ich mir: Das machst Du auch so.

Am nächsten Tag besorgte ich mir noch vor der Arbeit zwei Tüten Süßigkeiten, diese kleinen Schokoriegel, die man mit einem Happen verschlungen hat. Nun habe ich meinen Mitarbeitern Anweisungen gegeben und jedes Mal, wenn die etwas gut ausgeführt hatten, gab ich ihnen einen Schokoriegel. Die fühlten sich wahrgenommen und gewertschätzt, worauf hin sie motivierter und produktiver als zuvor waren. Im Grunde könnte ich meine Geschichte an dieser Stelle beenden, denn die kleine Anerkennung hatte ja zur Motivationssteigerung geführt und damit war alles prima, aber es ging noch weiter…

Ohne Lob nix mehr los
Als meine Süßigkeiten leer waren, wollten die Mitarbeiter trotzdem noch etwas für gute Arbeit… Ich sagte, ich müsste erst wieder in den Laden, um welche zu kaufen. Ich war blank. Da sank die Motivation und die Zufriedenheit, noch unter das Niveau, welches die Mitarbeiter vorher gehabt hatten… Da ist mir klar geworden: Ich hab sie nicht motiviert, ich habe sie konditioniert.

Süßigkeiten = Arbeit
ohne Süßigkeiten, keine Arbeit mehr

Lob fördert Ansprüche, nicht die Motivation
Als ich ein anderes Mal eine Studentin für Ihre Arbeit im Marketing lobte, die wirklich gut gewesen ist, habe ich sie kurz darauf gefragt, ob sie nicht Lust hätte, regelmäßig für mich zu arbeiten. Sie bejahte, weshalb ich gefragt hatte, was sie sich denn gehaltlich vorstelle. Sie antwortete: 70€/Std. Als ich sie fragte, was bisher ihr größter Stundenlohn war, sagte sie „12€/Std, aber da wusste auch keiner, dass ich so gute Arbeit mache“.

Wann loben wir?

Bei Lob und Anerkennung muss ich sofort an einen Familienvater denken, der seine 3-jährige Tochter dazu beglückwünscht, dass sie ins Klo kackt, anstatt in die Windeln. Er möchte dieses Verhalten von ihr fördern, weshalb er sie lobt. Lob ist also kein Motivationsinstrument, sondern ein Manipulationsinstrument.

Daher werden wir keine motivierten Mitarbeiter haben, sondern konditionierte. Lernbereitschaft, Kreativität und Eigenmotivation werden bei Ihren Mitarbeitern sinken.

Wie können wir motivieren?

Simon Sinek zeigt in einem seiner Vorträge, wie Menschen wirklich ticken

Nun stellt sich natürlich die Frage, was wir tun können, um unsere Mitarbeiter und Kollegen wirklich zu motivieren.

In Weißrussland habe ich das Süßigkeiten-Experiment recht zeitnah eingestellt und angefangen, Fragen zu stellen. Ich fragte die Kollegen nach ihrem Leben, nach ihren Interessen, nach ihren Herausforderungen und täglichen Problemen. Da ist mir klar geworden, was die wirklich brauchen. Die wollten kein Lob, keine Süßigkeiten, auch kein Geld… die wollten Hoffnung.

Sie alle lebten in einem armen Land, in ärmlichen Verhältnissen ohne die Hoffnung zu haben, dass es einmal besser wird. Dank Internet wussten sie, wie das Leben z.B. in Deutschland aussehen kann. Aber sie hatten keine Hoffnung, jemals dort hin kommen zu können. Daher ist der Konsum von Drogen, Alkohol und Tabak auch so enorm groß in diesem Land und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei knapp 60 Jahren…

So habe ich angefangen, Lebensläufe und Kontaktdaten zu sammeln. Diese Daten habe ich an Personalvermittler in Deutschland weiter gereicht, um Ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, zumindest eine Zeit lang dort arbeiten zu können, mit der Option, evt. irgendwann mal mit der Familie dorthin zu ziehen. Ich habe mich mit Ihnen, Ihrem Leben und Ihren wahren Bedürfnissen hinter der Maske beschäftigt.

Inbetriebnahme Gomel 2012
So sehen motivierte Kollegen aus

Das ist wahre Motivation
In der Folge meiner Bemühungen für die Kollegen vor Ort habe ich erfahren, was wahre Motivation ist. Fortan wollten die keine Süßigkeiten mehr von mir, statt dessen haben sie gefragt, ob sie mir noch etwas Gutes tun können. Sie haben sich ins Zeug gelegt, auch nach Feierabend und am Wochenende. Dieses Projekt und die gegenseitige Fürsorge aller Beteiligten hat auch die Mitarbeiter näher zusammen gebracht. Auf einmal waren wir ein richtig gutes Team, wo sich jeder um jeden gekümmert hat.

Da ist mir, mit jungen 28 Jahren damals, klar geworden, dass Lob und Anerkennung zurecht keinen Platz in der Wirtschaft haben. Etwas provokativ gesagt: Die Instrumente Lob und Anerkennung gehören in die Erziehung von Kleinkindern, nicht in das Berufsleben.

Teambuilding
Lob und Anerkennung fördern den Egoismus, stellen beide doch die Leistungen des Einzelnen heraus.
In einem Team ist es egal, was der Einzelne leistet, es zählt nur, was das gesamte Team leistet. Jeder trägt seinen Beitrag dazu bei. Die Summe der Einzelleistungen ist größer, als die Leistung aller einzelnen Personen zusammen. Eine Einzelleistung lässt sich innerhalb eines Teams auch gar nicht bewerten. Wie wollen Sie die Leistung eines Stofffadens in Bezug auf das T-Shirt bewerten? Der einzelne Faden bringt nichts. Erst das Zusammenwirken vieler Stofffäden lässt ein T-Shirt entstehen.

Diskussionen

Gerne dürfen Sie weiter unten kommentieren. Ansonsten finden z.Z. (Stand 10.03.2017) hier Diskussionen statt:

Weiterführende Informationen

Wer mehr erfahren möchte, dem empfehle ich gerne Inhalte von Unternehmensberater Simon Sinek, z.B.
Vortrag auf YouTube: Why leaders eat last
Buch: Leaders Eat Last: Why Some Teams Pull Together and Others Don’t

Simon Sinek überträgt seine (Führungs-)Erfahrungen aus dem Militär auf Industrieunternehmen

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One comment

  1. Ben says:

    Mein Kommentar aus einem XING Forum:
    https://www.xing.com/communities/posts/unternehmer-lounge-1012804250?comment=35043027

    bei der Firma Schirm haben wir auf Lob und Anerkennung komplett verzichtet und ein hoch effektives Team gehabt. Mit 3 Mitarbeitern haben wir im Anlagenbau 500.000-800.000€ Gewinn im Jahr erwirtschaftet. Pro Kopf Umsatz ca. 1 Mio€/Jahr. Wir haben Projekte gestemmt, wo sonst 10-20 Mitarbeiter beschäftigt sind.
    Im Sport ist dies auch oft so, beim American Football zum Beispiel wird ebenfalls mit anderen Methoden trainiert.

    Das beste Beispiel für effektive Zusammenarbeit kommt für mich aus dem Militär, denn dort geht es um Leben und Tod. Ein gutes Teamwork ist hier lebensentscheidend. Lob und Anerkennung sind meines Wissens nach höchstens nebensächlich vorhanden, statt dessen setzt man sich füreinander ein, es gibt Vorbilder, Anteilnahme, Unterstützung, wertschätzung… Alles das, was sie in einer Familie auch haben.

    Im Grunde macht es auch überhaupt keinen Sinn, überall dort, wo Teamwork angesagt ist (das Business zähle ich dazu), mit Lob und Anerkennung zu agieren.. warum nicht? Weil der Output aus Teamwork, also das, was das Team als Gesamtes leistet größer ist, als die Teile der Einzelleistungen. Sie können den einzelnen Beitrag gar nicht vom Gesamten trennen, wie wollen sie dann einen Einzelnen loben?

    Das ist so, als wenn sie ein Pixel in einem Bild zu seinem Beitrag im Gesamtwerk loben würden. Innerhalb eines guten Teams brauche ich nicht loben, denn jeder weiß:
    – Ohne mein Team, wäre meine Arbeit sinnlos
    – Ohne mein Team, wäre ich gar nicht in der Lage, das zu bringen, was ich hier bringe
    – Meine Arbeit wird durch meine Kollegen gestützt und weiter verbessert

    Das, was eine einzelne Person „tolles“ erbracht hat, ist doch lediglich die Summe aus den Erfahrungen, aus dem Wissen und den Fähigkeiten, die diese Person innerhalb eines Teams, der Familie, der Gesellschaft oder des Unternehmens aufgebaut hat.

    Zu glauben, dass ein Einzelner irgend etwas besonders tolles gemacht hat um diesen jetzt durch Lob und Anerkennung hervorzuheben halte ich für Unfug. Das fördert nur den Egoismus, hilft vielleicht bei geringem Selbstbewusstsein. Auf Dauer verkrüppeln sie so die Leute.

    Wenn jemand wirklich aus der Gruppe hervorsticht, also ein Vorbild für die Gruppe ist, dann werden die anderen ihn in gewissen Teilen kopieren. Er wird damit zwangsläufig zur Führungsperson. Das geht ganz ohne Ernennung, Bonuszahlungen oder Firmenwagen. Solche Führungskräfte wollen nicht einmal mehr Geld. Die wollen einfach nur ihren Beitrag leisten, wie jeder andere auch.

    Das Betteln nach Lob, Anerkennung oder Gehaltserhöhungen sind für mich klare Anzeichen für das Streben nach Ersatzbefriedigungen. Diese Leute wollen kein Lob, die wollen als Familienmitglied auf Augenhöhe in einer guten Gemeinschaft behandelt werden. Dann werden sie gleichzeitig auf Lob und mehr Geld verzichten, diese Themen werden gar nicht zur Sprache kommen…

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