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Generationenkonflikt

Die jungen Menschen haben die gleichen menschlichen Bedürfnisse, wie wir „älteren“ auch. Was sie von uns unterscheidet, sind Ihre Sichtweisen über die Welt. Ich spreche gerne auch von „Illusionen“ und dem Verständnis von Gerechtigkeit, von Erwartungen, Ansprüchen und Leistung.

Beispiel Denkweise Generation Y

Vor kurzem habe ich mich mit einer jungen Frau getroffen, 29 Jahre alt, Ausbildung zur Kauffrau, 3 Jahre im Service im Bereich Aftersales gearbeitet, danach Sinnkrise, Reisen, Minijobs, diverse, kürzere Fortbildungen, mittlerweile Studentin BWL, 3. Semester. Da fielen dann Aussagen wie:

– Ich studiere, weil ich gerne so viele Freiheiten habe und den Kontakt mit jungen Menschen suche. Da brauche ich meist nur 20h/Woche etwas für die Uni machen, den Rest der Zeit können wir zusammen chillen, was unternehmen oder reisen.
– Mit Studium hat man bessere Jobchancen, obwohl ich nicht denke, dass mir die Inhalte viel bringen. Das klingt alles sehr abstrakt, was wir an der Uni lernen
– Es ist unverschämt, dass ich für mein Bafög so viele Formulare ausfüllen muss. Bald werde ich 30, dann soll ich sogar noch mehr Krankenkassenbeiträge zahlen. Das ist Diskriminierung! Wie können die einfach meine Beiträge erhöhen, nur weil jetzt eine 3 vor meinem Alter steht?

Da haben wir also nun eine Frau, die mit knapp 30 Jahren folgendes vorzuweisen hat:
– 6 Jahre Heranwachsen, Vorschule
– 13 Jahre Schule besucht (Abitur)
– 3,5 Jahre Ausbildung
– 3 Jahre gearbeitet
– 3 Jahre Sinnkrise, Reisen, Minijobs, diverse Fortbildungen
– 1,5 Jahre studiert, noch nicht abgeschlossen

Bild HörsaalDann fasse ich zusammen, dass diese junge Frau mit knapp 30 Jahren 27 Jahre lang für die eigene Entwicklung genutzt hat und 3 Jahre für die Gemeinschaft gearbeitet hat. Wenn Sie Ihren Bachelor fertig hat und den Master noch anschließt, dann werden es mit 33 Jahren 30 Jahre Entwicklung und 3 Jahre Arbeit sein. Anschließend ist sie fertig ausgebildete BWL Master Absolventin, ohne Berufserfahrung in diesem Aufgabenfeld. Sie muss also erstmal 1-2 weitere Jahre eingearbeitet werden, bis sie für die Gesellschaft wirklich etwas bewirken kann.

Diese Frau lässt sich so viel Zeit und tut, was sie möchte, weil sie es kann. Weil sie vom Staat (Bafög) und von ihren Eltern bezahlt wird und gerne die Freiheiten nutzt. Zudem lernt sie viele abstrakte Dinge während ihrer Ausbildung, die zwar einen hohen Abschluss bewirken (MBA), allerdings oft nicht praxistauglich sind.

Jobeinstieg
„Meinem Chef werde ich dann zeigen, was ich im Studium alles gelernt habe… Ich glaube, viele Firmen kennen noch gar nicht die aktuellen Themen, die wir im Studium von unseren Professoren lernen, weshalb mein Wissen bestimmt gefragt sein wird“. Sie ist im Bereich Marketing vertieft. Auf meine Frage hin, wie denn ein gutes Marketing für eine bestimmte Firma aussehen könnte, war die Antwort: „Ja, das muss ich erstmal wieder nachlesen, hab das nur für die Klausur gelernt und im Grunde alles schon wieder vergessen.. Aber ich hab es mir gut zusammen gefasst und kann das jederzeit nachlesen.“ Mein Ratschlag an sie war, dass sie sich erst einmal etwas zurück halten sollte beim Jobeinstieg.

Falsches Selbstwertgefühl, falsche Erwartungen – Illusionen

Meine Bekannte, genau wie viele andere Studenten auch, glauben nun, dass sie nach so vielen Jahren der persönlichen Entwicklung viel Wert sind, weil sie tolle Abschlüsse haben und sich viel Wissen angeeignet haben.

Fakt ist aber, dass sie noch nicht ansatzweise arbeitsfähig sind. Denn weder in der Schule, weder im Studium, noch auf den Urlaubsreisen in Neuseeland, Australien oder dem Jakobsweg lernt man, was nötig ist, um in der Arbeitswelt Leistung zu erbringen. Da fängt man erstmal wieder ganz unten an. Da muss man sich in betriebliche Abläufe einarbeiten, das Umfeld kennen lernen, die Menschen, die Firma, Machtstrukturen, das Produkt, den Markt usw…
Das dauert seine Zeit, bis man endlich mal etwas „bewirken“ kann und Erfolge erzielen kann. Je nach Firma und Position kann man die ersten 6-24 Monate gerne als Einarbeitsungszeit ansehen, bis man erstmal etwas „bewirken“ kann, bzw. für die Firma produktiv arbeitet.

Oft erlebe ich dann, dass die jungen Menschen den Job wechseln. „Ich konnte nichts erreichen“. Wie lange warst Du da? „Fast 8 Monate“. Diese Menschen haben die Erwartungshaltung, dass alles ganz schnell gehen muss. Unmittelbare Reaktionen auf Ihre Taten folgen, wie im Internet ja auch. Es fehlt die Geduld und das Verständnis von der Komplexität mancher Jobs und der Notwendigkeit von Kontinuität.

In der Freizeit und der bisherigen Ausbildung/Entwicklung haben sie permanent unmittelbare Erfolge aufgrund ihres Einsatzes erlebt. Ich lerne 2 Tage vor der nächsten Klausur wie verrückt und schreibe eine 2+. Ich will einen Film sehen, also schalte ich das Internet ein. Ich will eine Frau kennen lernen, also ab nach Tinder. Ich möchte Leute zum Quatschen auf ein Bier treffen, also Facebook Post. Ich möchte Geld verdienen, also im McDonalds an der Kasse stehen, 9,5€/h kassieren… Alles geht schnell schnell schnell…

Geduld

Es gibt Lebensbereiche, in denen ein „immer schneller“ Denken nicht so funktioniert. In diesen Bereichen, wie beispielsweise komplexe Arbeit oder der Aufbau von Beziehungen, führt ein Sprint nicht zum Erfolg, da es sich um einen Marathon handelt. Die jungen Menschen haben aber nur sprinten gelernt und sehen im Fernsehen oder im Internet auch nur Sprints (Sprintkarrieren), weshalb sie von Teilstrecke zu Teilstrecke sprinten, um die 42,2km zu absolvieren. Nach jeweils 400 gesprinteten Metern sind sie fix und fertig. Da braucht man dann erstmal wieder ne Pause, nen Jobwechsel, Urlaub…

Wir müssen diese Menschen genau so anpacken, wie wir selbst auch angepackt werden möchten. Mit Respekt, Wertschätzung und Führung. Zusätzlich müssen wir sie aber von ihren Illusionen befreien, bzw. ihnen zeigen, dass es Lebensbereiche gibt, in denen Ausdauer und Geduld, nicht Schnellkraft gefragt sind. Wir müssen ihnen klar machen, dass es Ziele gibt, die langfristig angesetzt sind und permanentes Drannbleiben, auch in schwierigen Situationen, erfordern.

Umgang mit Problemen und dem Generationenkonflikt

Zieleinlauf beim Höhenmarathon P-Weg im Jahr 2006 (42km, 1050HM, 4:15h) – Marathon kann anstrengend sein, aber nur, wenn man sich die Kraft falsch einteilt (siehe Läufer hinter mir)

Denn es sind gerade diese Schwierigkeiten und Probleme, die einen stark machen können und den Charakter prägen. In solchen Situationen müssen wir Älteren sie führen. Nicht die Arbeit oder die Probleme abnehmen, nein, wirklich führen!

Führen bedeutet, die Menschen auf ihren Wegen durch die Krise begleiten, so dass sie erfahren können, dass Probleme nichts Schlimmes sind, dass Probleme mit eigener Kraft überwunden werden können, auch wenn es anfangs noch keinen Weg gibt. Die jungen Menschen müssen lernen, dass sie an Problemen und schwierigen Situationen wachsen können, wenn sie sich auf diese einlassen, anstatt davon zu laufen. Wir müssen sie führen und auf diesem Marathon-Weg begleiten.

Ich befürchte jedoch, dass viele Menschen der älteren Generation nicht gelernt haben, junge Menschen auf diesem Marathon-Weg zu begleiten. Sie sind ahnungslos, wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Daher ist mein Ratschlag an die jungen Generationen: Nicht aufgeben, Geduld beweisen und besonders Probleme und schwierige Situationen als Einladung zum Wachsen sehen
Mein Ratschlag an die älteren Generationen: Lernen Sie, diese neuen, jungen Generationen (X, Y, Z) zu führen. Eignen Sie sich Führungskompetenz an und laufen Sie den Marathon mit diesen jungen Menschen Seite an Seite.
Laufen sie nicht vor diesen jungen Menschen vorweg, nehmen sie jene nicht an die Hand. Laufen Sie Seite an Seite mit ihnen, auf Augenhöhe. Zeigen Sie diesen jungen Menschen, dass ein Anstieg kein Grund zum Umkehren ist, sondern lediglich ein Grund dazu, den Laufstil etwas anzupassen.

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