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Folgekompetenz – Die Kunst sich führen zu lassen

Dieser Artikel befasst sich mit den Fragen

  • Wie können wir viel mehr aus unserem Leben machen?
  • Warum scheitern so viele Teams?
  • Wie sieht gute Führung aus?
  • Warum ist es so wichtig, dass auch die Teammitglieder gelernt haben, sich führen zu lassen?

Heute reden wir im Zusammenhang mit Teamwork oft über Führungskompetenzen. Wir stellen Fragen nach der richtigen Art zu führen, wir fokussieren uns stark auf die Führungspersönlichkeiten. Doch was ist mit der Mehrzahl von Menschen, die geführt werden sollen? Sind diese Menschen der Führungskraft vollkommen ausgeliefert? Haben diese nichts mehr zu melden? Ich glaube, wir vergessen hier etwas sehr wichtiges!

Aus einer egoistischen Sichtweise kann man auch fragen: Warum sollte ich mich überhaupt von jemanden führen lassen? Was habe ich davon?

Vom Mitarbeiter zur Führungskraft

Ein Beispiel für das Versagen von Teamwork

Andreas arbeitet seit gut 7 Jahren in der Entwicklung eines Automobilzulieferers. Sein Chef geht in den wohlverdienten Ruhestand und Andreas soll nun, aufgrund seiner guten Leistungen, die Abteilung als Teamleiter führen. Um sich auf das Thema vorzubereiten spendiert das Unternehmen für Andreas ein Führungskräfteseminar. Weiterhin ist man großzügig und stellt ihm für die ersten 2 Monate sogar einen professionellen Coach zur Seite, der 120€/Std. kostet. Andreas selbst war schon immer wissbegierig und kauft sich gleich 3 Bücher zum Thema Führung.

Andreas war früher selbst Mitglied der Abteilung, hat mit den Kollegen gerne mal einen Grillabend veranstaltet und sich mit ihnen zum Fußball spielen getroffen. Nun soll er seine ehemaligen Kollegen, darunter auch seinen Freund Freddy, führen und ihnen Anweisungen geben.

Die Bücher und das Seminar vermitteln Andreas wertvolle Grundlagen, sein Coach steht ihm stets zur Seite, aber zwei Kollegen und auch sein Freund Freddy wollen ihn als Führungspersönlichkeit nicht anerkennen und stellen seine Autorität immer wieder in Frage. Die Spannung steigt im Laufe der nächsten 2 Jahre weiter an.

Autorität und Respekt
Andreas möchte sich besonders in kritischen Situationen durchsetzen, aber Freddy bringt mit einer beiläufigen Bemerkung seine Machtposition immer wieder zu Fall. Ein hereingeworfenes „das hast du früher selbst nicht auf die Reihe gekriegt und nun sollen wir das schaffen?“ führt zu Verwirrung unter den Kollegen. Das Team weiß nun nicht, an wen es sich richten soll und arbeitet planlos weiter. Die Ergebnisse werden schlechter, es schleichen sich Fehler ein, die Projekte verzögern sich.

Andreas ist nun Teamleiter und verantwortlich für die Ergebnisse, also auch für die Fehler seines Teams. Die Probleme machen ihm auch persönlich zu schaffen und es geht ihm gesundheitlich, vor allem mental, zunehmend schlechter. Er fängt an zu Grübeln, vernachlässigt den Sport und die Familie.

Team gescheitert
Nach 5 Jahren passiert es dann. Aufgrund eines Fehlers im Bauteil des Zulieferers muss eine millionenschwere Rückrufaktion bei tausenden Autos veranlasst werden. Die Geschäftsleitung zieht entsprechende Konsequenzen und entzieht Andreas wieder die Teamleitung. Nun wieder als Teil seines Teams zu arbeiten kommt aber auch nicht mehr in Frage, weshalb er das Unternehmen verlässt und sich mit geknicktem Selbstvertrauen einen neuen Arbeitsplatz suchen muss.

Für alle Beteiligten ist diese Situation sehr unangenehm. Das Unternehmen hat hohe Kosten durch die Fehler, Andreas muss sich einen neuen Job suchen, das Team steht nun ohne Führungskraft da… Woran hat es gelegen?

Konzentration auf die Führungskraft

Wenn wir obiges Beispiel rückblickend analysieren, dann überlegen wir, was Andreas hätte besser machen können. Vielleicht ist das Management kompromissbereit und gibt Andreas eine zweite Chance und lässt ihn erneut mit einem Coach zusammen arbeiten. Wir fragen uns: Was hätte er besser machen können? Was muss Andreas lernen, um sein Team erfolgreich zu führen?

Wir stellen uns leider viel zu selten die Fragen: Was hätten die Kollegen besser machen können? Haben diese in dem Punkt versagt, sich führen zu lassen?

These: Menschen sind heute immer weniger bereit, zu folgen.

Viele Menschen glauben, dass ihre Mitmenschen, vor allem ihre Vorgesetzten, nur noch am eigenen Profit interessiert sind. Sie werfen ihren Teamleitern Egoismus und Scheinheiligkeit vor. Warum sollten sie solchen Menschen folgen? Na klar, diese Führungspersönlichkeiten haben Macht und mit genügend Durchsetzungsvermögen nutzen sie ihre Macht um Entscheidungen durchzuboxen. Dabei kommt es jedoch oft zu Konflikten. Um solche Konflikte zu vermeiden, müssen wir umdenken und neue Fragen stellen.

Führungskompetenz vs. Folgekompetenz

Führen und sich führen lassen, also einer Führungskraft zu folgen, geschieht immer Hand in Hand. Beide Parteien müssen hierfür bereit sein. Beides kann man lernen, beides sollte man lernen.

Zum Thema Führungskompetenz gibt es Bücher, Seminare, Workshops, Checklisten, Blogs, Foren usw… Was gibt es zum Thema Folgekompetenz? Meines Wissens nach nichts!

Damit Teamwork funktioniert, muss die Führungskraft gut führen können, genau so wie die Mitarbeiter sich führen lassen können müssen. Beides ist gleich wichtig! Für Ersteres gibt es sehr viele Informationen und Lehrgänge, für Letzteres ist das Angebot meines Wissens nach überhaupt nicht vorhanden.

Sich-führen-lassen ist gefährlich und nützlich zugleich

Quelle: [1] V-Vormation eines Vogelschwarmes
Warum sollten wir überhaupt jemandem Folgen? Nehmen wir mal das Beispiel im Sport. Als ehemaliger Triathlet weiß ich, wie kraftsparend es sein kann, hinter einem anderen Menschen zu schwimmen oder beim Radfahren in seinem Windschatten zu fahren. Mühelos kann man 45km/h im Windschatten mitfahren, ohne dabei Energie zu verbrauchen.

Auch in der Tierwelt gibt es dieses Phänomen, z.B. bei Vögeln. Diese nutzen gekonnt den Windschatten aus, um als Schwarm lange Distanzen kraftsparend zu überwinden.

Folgen will gelernt sein!
Sich führen zu lassen birgt Gefahren und wirft Fragen auf:

  • Möchte diese Person für mich etwas Gutes?
  • Geht diese Personen in eine Richtung, in die ich auch möchte?
  • Welche Motive leiten diese Person?

Um einem Menschen gefahrlos folgen zu können, müssen diese Fragen geklärt sein. Ich muss als Folgender der Führungspersönlichkeit vertrauen können. Das kann ich aber nur, wenn ich eine enorme Menschenkenntis besitze oder sehr naiv und mutig bin. Letzteres nennt man dann „blindes Folgen“. Ersteres ist oft mühselig zu erlernen.

Welchen Nutzen kann es haben, sich führen zu lassen?

Mit dem Fahrrad mühelos fast 70km/h fahren
Die wenigsten Menschen haben jemals die Erfahrung gemacht, wie geil es sein kann, sich richtig mitreißen zu lassen. Während meiner Triathlon Zeit habe ich in einem professionellem Rennrad Verein trainiert. Eines Tages waren wir mit 10 Fahrern unterwegs. Einer oder zwei sind vorneweg gefahren mit ca. 40-45 km/h, der Rest locker im Windschatten hinterher. An einer Ampel mussten wir neben einem LKW halten. Mein Nebenmann sagte locker zu mir: „den schnappen wir uns“. Fragend habe ich ihn angeschaut, er sagte: „Komm mir einfach nach, sei aber vorsichtig!“. Gesagt getan. Wir sind gemeinsam hinter dem LKW angefahren und diesem in der Ortschaft mit 60-65km/h im Windschatten gefolgt. Ich kann nicht beschreiben, wie aufregend, gefährlich aber auch geil es war, mit einem Fahrrad mühelos hinter einem LKW mit diesen Geschwindigkeiten her zu fahren.

2 Semester Thermodynamik in 3 Tagen
Als ich mein Studium beendet habe und nur noch eine Diplomarbeit schreiben musste, wollte ich unbedingt über das Thema Energieeinsparung in der Thermoprozesstechnik schreiben. Hierfür brauchte ich Grundlagen der Thermodynamik. Leider hatte ich nicht ein einziges Semester Thermodynamik gehabt. Eine Freundin sagte mir, sie kennt jemanden, der fit darin ist. So lernte ich Martin Zuckermeier kennen.

Mein Treffen mit Martin war super spannend. Er sagte mir, dass ich für mein Thema mindestens zwei Semester Thermodynamik studieren müsste. Allerdings könne er mir in einem Kompaktkurs über 3 Tage auch alles Wichtige für meine Arbeit beibringen. Ich könnte eine Woche zu ihm nach Rosenheim an den Chiemsee kommen, um dort ein Praktikum bei ihm zu machen. Obwohl ich Martin praktisch nicht kannte, habe ich eingewilligt. Ich bin ihm blind gefolgt.

In nur 3 Tagen hat Martin mir alles für die Diplomarbeit Wichtige beigebracht. Ich war erstaunt und begeistert zugleich, vor allem, da die Alternative war, 1 Jahr länger zu studieren und Thermodynamik über diesen Weg nachzuholen. Meine Diplomarbeit war ein voller Erfolg, mein Chef damals erstaunt darüber, wie locker ich während der 4 Monate drauf war.

Negative Erfahrungen musste ich leider auch sammeln. So habe ich mich einst an die Anweisungen eines Coaches gehalten und damit eine 5-stellige Summe Geld verloren. Da bin ich der falschen Person blind gefolgt.

Wem kann ich folgen?

Es kann unglaublich hilfreich und pushend sein, sich führen zu lassen, aber genauso gefährlich. Daher rate ich immer, sich ganz genau anzuschauen, wem man folgt. Folgende Fragen helfen dabei:

  • Ist dieser Mensch in einem Bereich besser, der mich interessiert?
  • Wie tickt dieser Mensch? Was motiviert ihn?
  • Was kann ich noch über ihn in Erfahrung bringen?
  • Wie gefestigt ist er im Leben?
  • Welche Herausforderungen hat die Person erlebt und wie hat Sie diese gemeistert?
  • Wie geht er mit Kritik um?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, ist es enorm hilfreich, sich mit den Themen Kommunikation und „Menschen lesen“ zu beschäftigen. Es gibt hierzu viele gute Bücher. Auch die Zusammenarbeit mit einem Coach kann unglaublich hilfreich sein.

Fazit

Teamwork funktioniert nur dann, wenn die Führungskraft gut führen kann und die Mitarbeiter sich führen lassen.

Sich führen zu lassen kann gefährlich sein, weshalb nur wenige Menschen sich trauen, diesen Weg zu gehen. Sich führen lassen kann aber auch sehr bereichernd sein! Um den Gefahren aus dem Weg zu gehen, ist es hilfreich, sich mit der Führungspersönlichkeit auseinander zu setzen und diese genau kennen zu lernen. Hierfür sind Fähigkeiten zu erlernen, die zum Themengebiet der Kommunikation gehören.

Blindes Folgen einer Führungsperson kann spannend aber auch schmerzvoll sein. In jedem Fall ist es sehr lehrreich.

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarmverhalten#/media/File:Grus_grus_flocks.jpg

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