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Der Weg des Schreibens

Vor kurzem war ich auf einer Ausstellung zum Thema Ramses II, bzw. Ägypten vor ca. 3300 Jahren, also etwa 1300 v.Chr. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen damals zwar auch neidergeschriebene Verträge hatten, z.B. Friedensverträge, aber der Großteil der Kommunikation bildhaft geschah. Die hierfür verwendeten Hieryglophen hatten, ähnlich wie die fernöstlichen Schriftzeichen auch, über 500 Zeichen bzw. Bilder. Mit diesem Zeichensatz haben sich die Menschen verständigt. Ich frage mich gerade, wie eine Tastatur mit 500 Zeichen aussehen würde…?

Damals gab es natürlich noch keine PCs. Auch Papier war Mangelware, weshalb die Schriftzeichen in Stein gemeißelt oder mit Farbe auf Ton o.ä. gemalt wurden. Jemand, der nicht künstlerisch begabt oder in Bildhauerei geübt war, war der damalige Analphabet.

Evolution zum Schreiben – Der präfrontale Kortex macht es möglich

Es wurden bereits Höhlenmalereien entdeckt, die schon vor zehntausenden von Jahren entstanden sein mussten. Auch damals wurde also schon bildhaft kommuniziert. Wann und wie sind wir zum Schreiben gekommen? Wann begann für uns der Weg des Schreibens?

Im Laufe der Evolution hat sich unser präfrontaler Kortex enorm vergrößert. Dies ist jener Gehirnbereich, der für logisches Denken zuständig ist. Während fast alle übrigen Gehirnregionen von ihrer Größe und Dichte her gleich geblieben sind, hat sich der präfrontale Kortex um ein vielfaches vergrößert. Dieser Gehirnbereich hat es möglich gemacht, dass wir abstrakt denken können, also Buchstaben zum Schreiben, genau so wie mathematische, bzw. wissenschaftliche Formeln zur Beschreibung der Welt verwenden können.

Es mag nun für Anhänger dieser Disziplinen ein Dorn im Auge sein, allerdings muss man sagen: Der präfrontale Kortex (PK), also jener Gehirnbereich, der für logisches Denken zuständig ist, ist der letzte und damit am wenigsten weit entwickelte Gehirnbereich.
Dieser Bereich ist für das Schaffen von so vielen Errungenschaften, auf die wir heute so stolz sind, verantwortlich. Aus ihm entstammen z.B. die Wissenschaften, unser Finanzsystem und das Internet. In wenigen tausend Jahren hat er sich bei uns Menschen extrem vergrößert, was ein Zeichen dafür ist, dass der PK sehr nützlich ist. Allerdings hatte dieser Gehirnbereich auch wenig Zeit, sich zu entwickeln. Was können wir daraus schließen?

  1. Der präfrontale Kortex ist extrem nützlich, er hat sich schnell und in kurzer Zeit enorm vergrößert
  2. Der präfrontale Kortex wird häufig verwendet, besonders von Menschen, die viel abstrakt denken
  3. Der präfrontale Kortex ist ein wenig entwickelter Gehirnbereich. Er arbeitet langsam und nicht sehr effektiv

Schnelles Denken, langsames Denken
Besonders die 3. der obigen Aussagen mag für einige provokant wirken, doch es wurden bereits viele Untersuchungen hierzu gemacht. Dieser Gehirnbereich (PK) schluckt extrem viel Energie und arbeitet so langsam wie kaum ein anderer Bereich.
Ein Experte zu diesem Thema ist der vielfach ausgezeichnete Professor und Psychologe Daniel Kahneman(1). In seinem Buch(2) „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt er die schlechte Wirkungsweise unseres PK, also unseres logischen, abstrakten Denkens. Es ist um ein vielfaches langsamer, wie das emotionale, intuitive Denken.

Halten wir also fest:

  • Der PK ist für logisches und abstraktes Denken verantwortlich
  • Der PK macht das Schreiben möglich
  • Der PK ist unterentwickelt und wenig effektiv

Da liegt doch die Frage nahe, wie können wir es schaffen, den so nützlichen PK zu trainieren, so dass er effektiver wird?

Der Weg des Schreibens

Es gibt mehrere Möglichkeiten, den PK zu trainieren. Einfache Methoden sind z.B. das reine, logische Denken anzusprechen, über Sodukos, Rätselaufgaben… Es handelt sich hierbei um die typischen Fragestellungen, die in einem IQ Test geprüft werden. Doch IQ alleine reicht nicht aus. Etliche Untersuchungen haben gezeigt, dass ein hoher IQ nicht ausschlaggebend ist, für den Erfolg im Leben. Wir müssen also einen Weg finden, den PK anzusprechen, dies aber im idealen Fall mit einer Fähigkeit, die nützlich ist oder uns sogar erfolgreich macht.

Was macht erfolgreich? Nun, diese Frage muss jeder für sich alleine beantworten. Für mich ist finanzieller Wohlstand oder das Führen guter Beziehungen ein Teil von Erfolg. Für beides ist es wichtig, dass ich gut mit meinem Umfeld kommunizieren kann. Für mich ist Kommunikation eine Grundvoraussetzung für Erfolg.

Früher, zu Zeiten der Ägypter beispielsweise, wurde hauptsächlich bildhaft kommuniziert. Heute kommunizieren wir sehr viel über das geschriebene und gesprochene Wort. Internet, Bücher, Debatten… überall wird kommuniziert.

Im Schreiben kommunizieren wir mit der Außenwelt und trainieren gleichzeitig den PK.

Noch besser Schreiben lernen

Freidenker und Bestselling-Autor Tim Ferriss hat in seinem Blog(3) beschrieben, dass man das Schreiben erlernen kann und dabei am besten von Anwälten lernt. Anwälte sind in der Tat sehr geschickte Denker. Sie müssen extrem gut kommunizieren, da jede Aussage vor Gericht sowohl vom Richter, als auch von der Gegenpartei auf die Goldwage gelegt werden kann. Gleiches gilt übrigens für Fußballer, die oft nach einem Spiel interviewt werden. Ein tolles Beispiel hierfür ist Philip Lahm(5).

Was wir von Anwälten über das Schreiben, und das Denken lernen können:

  • Verwende so wenig Wörter wie möglich
  • Verwende nur dann lange oder geschachtelte Sätze, wenn Du Dein Gegenüber bewusst verunsichern oder überfordern möchtest
  • Häufiges Korregieren beim Schreiben ist ein Zeichen für unstrukturiertes Denken. Ordne zunächst Deine Gedanken, dann fange an zu kommunizieren
  • Achte auf die Auswirkungen Deiner Kommunikation bei Deinen Mitmenschen. Wie reagieren sie auf was? Welche Worte oder (Ab)Sätze führen bei ihnen zu Resonanz?
  • Beachte die Ambiguität der Sprache, also die Vieldeutigkeit. Jeder Mensch versteht wörter unterschiedlich

Alle diese Tipps sind für das Reden genau so hilfreich, wie für das Schreiben. Beim Schreiben habe ich mehr Zeit und kann Fehler leichter korregieren, ich sehe sie schwarz auf weiß. Die Möglichkeit zum Selbst-Feedback ist wesentlich besser, als beim Sprechen.

Kommen wir noch einmal auf die Ägypter zurück. Wenn man sich mal vorstellt, man müsste jedes geschriebene Wort in Stein meißeln, dann würde man sich über jedes Wort wesentlich mehr Gedanken machen.
Genau so ging es mir damals z.B. während des Studiums, beim Konstruieren mit Tusche. Einmal gezeichnet, konnten Striche nur durch Wegkratzen mit einer Rasierklinge wieder entfernt werden. Da macht man sich vorab viel mehr Gedanken, man wird klarer im Handeln durch Klarheit im Kopf.

Therapeutisches Schreiben

Schreiben ist so effektiv, dass es sogar in der Therapie unter dem Begriff „Therapeutisches Schreiben“ eingesetzt wird. Oftmals sind die Gedanken von kranken Menschen so verworren, dass sie mit ihren eigenen Gedanken in einen Teufelskreis kommen.

Jene Menschen, ich möchte mich da gar nicht ausnehmen, fangen an, sich über ein Thema Gedanken zu machen. Diese Gedanken kreisen und kreisen um jenes Thema, bis die Katze irgendwann ihrem eigenen Schwanz hinterher läuft. Man fängt also wieder von vorne an. Das ganze ist ein Teufelskreis, frisst enorme Ressourcen und führt zu nichts.

In solchen Situationen kann ich schreiben sehr empfehlen. Es stoppt Gedankenkreise, weil es Strukturen im Denken sichtbar und analysierbar macht. Besonders für verkoppfte Menschen ist es hilfreich, die Struktur bzw. das nicht-vorhandensein von Struktur im eigenen Denken sichtbar nach außen zu bringen. Dort lässt es sich wesentlich leichter strukturieren und bearbeiten. Literatur hierzu gibt es genug(4).

Weitere Informationen

  1. Wikipedia Eintrag zu Daniel Kahneman
  2. Dahniel Kahnemans Buch Schnelles Denken, langsames Denken auf Amazon
  3. Kann man uneingeschränkt empfehlen: Der Blog von Tim Ferriss
  4. Therapeutisches Schreiben mit dem Buch Schreib dich gesund: Übungen für verschiedene Krankheitsbilder
  5. Ein tolles Interview mit Philip Lahm zum Thema “Der Jugend fehlt die Demut”. Man kann hier so viel von ihm lernen. Alleine bei seiner Antwort auf die erste Frage schon, zeigt Philipp gekonnt, wie man den Rahmen ändert, Fragerichtungen eines Interviewser gekonnt lenkt und damit sagt, was man zu sagen hat.
    Negativ fällt der häufige Gebrauch von Füllwörtern auf („Ähm“, „Äh“).

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